Revue - REGARD SUR L'EST
Regard sur l'Est, revue en ligne
Dernière mise à jour le 18/11/2017 - 15:09 Paris


Asie centrale
Balkans
Caucase
Etats baltes
Peco
Russie


Tous les dossiers


Contact
Ligne éditoriale


 

 

Itinéraires baltes



 


Die Erfahrung des Orients: Tourismus auf der gefluteten Donauinsel „Ada-Kaleh“ (1878-1918, Teil I)
Dossier: "Des lieux hors du monde: Les îles à l'Est "

Par Christian ELLENSOHN*
Le 01/12/2014

Die Insel Ada-Kaleh war das westlichste „Überbleibsel“ des Osmanischen Reiches. In den Jahren von 1878 bis 1918 von Österreich-Ungarn besetzt, war Ada-Kaleh aufgrund ihrer geostrategischen Lage inmitten der Donau immer wieder Streitpunkt der internationalen Politik, aber auch für Donaureisende ein beliebtes Ausflugsziel.



 
Bevor der Tourismus auf der Insel Ada-Kaleh („Insel-Festung“) beginnen konnte, hatte die Insel seit Beginn des 18.Jahrhunderts vor allem einen Zweck: der Grenzsicherung zu dienen und die Kontrolle der Donau am Eiserenen Tor zu gewährleisten. In Folge des verlorenenen Russisch-Türkischen Krieges 1877-78 musste das Osmanische Reich die Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros anerkennen und kleinere Gebiete an diese Länder abtreten. Im dem dazu geschlossenen Friendensvertrag von San Stefano wurde auch geregelt, dass die Festung von Ada-Kaleh geschliffen werden sollte[1]. Ada-Kaleh war nun, da Serbien unabhängig wurde, ganz vom Osmanischen Reich getrennt und von österreichisch-ungarischen Truppen besetzt. Damit war die Insel zu einem autonomen Gebiet geworden. Die Bewohner mussten fortan weder dem Osmanischen Reich noch Österreich-Ungarn Steuern zahlen, keinen Wehrdienst leisten und hatten zusätzlich einige Privilegien.

In der folgenden vierzigjährigen Periode (1878-1918) kam es im Großen und Ganzen zur Ausprägung der eigenen zivilen Kultur der Bewohner, die nun mit zivilen Berufen ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Mit der Öffnung der Insel für Zivilpersonen bot sich nun für die türkischsprachigen Bewohner eine ganz neue Art und Weise Brot zu verdienen: durch den immer stärker werdenden Tourismus.

Entstehung und Entwicklung des Tourismus auf Ada-Kaleh

Die Besucher der Insel Ada-Kaleh waren nun größtenteils nach wie vor Donaureisende, aber auch Kurgäste aus dem nahen „Herkulesbad“ (ung. Herkulesfürdő, heute: rum. Băile Herculane). Der Kurort zog seit dem Kuraufenthalt von Kaiserin Elisabeth viele prominente Besucher an. Hier konnte man die vielfältigsten Leiden mit naturwarmen 56° salzhaltigen Schwefelquellen kurieren. Um den Kuraufenthalt abwechslungsreicher zu gestalten bot sich ein Ausflug nach Orsova und Ada-Kaleh an: „Die zahlreichen fremden Reisenden, welche den Sommer im nahe gelegenen Herkulesbad zubringen, besuchen auch fleißig die Insel und versäumen nicht, zum Andenken irgend eine Stickerei aus Stambul, ein Paar Pantoffeln, einen Tschibuk oder dergleichen einzukaufen“ berichtet der ungarische Turkologe Ignaz Kúnos im Jahre 1907, der zu einem Forschungsaufenthalt auf der Insel zur Aufzeichnung der Märchen von Ada-Kaleh weilte[2].

Aufgrund der geographischen Lage war die Insel bereits in der Vergangenheit Umschlagplatz für Waren aller Art, da sie am Verkehrsweg vom Nahen Osten nach Mitteleuropa inmitten der Donau unweit von vier Ländern (Ungarn, Rumänien, Serbien, Bulgarien) gelegen ist. Deshalb widmeten sich nach der „Entmilitarisierung“ der Insel 1885 auch zahlreiche Bewohner dem Handel und Verkauf von Waren aus dem Orient, insbesondere aus Istanbul, die den Touristen verkauft wurden. Dazu berichtet Kúnos: „Die Kaufleute gehören der gebildeten, d.h. des Lesens und Schreibens kundigen Klasse an und befassen sich außer mit Spezereien insgesamt mit Tabak, Kaffee und vornehmlich mit Luxusartikeln aus Stambul“ (siehe Abb.1).


Abb.1: Ein Blick auf den Bazar der Insel. Ansichtskarte. Géza Hutterer, Orsova, 1899. Privatsammlung C. Ellensohn.

Der englische Journalist und Autor Walter Jerrold beschrieb 1911 was ein Tourist auf Ada-Kaleh zu sehen bekam:

The passenger steamer passes between this place and the long island of Ada Kaleh, which forms one of the most interesting features in this part of the Danube. The island lies about three miles below Orsova, and to reach it a long, heavy row-boat must be taken from the little Orsova bazaar, where the Turks come to sell their tobacco, coffee, sweets and other wares. The Turkish boatmen, aided by the swift current on the steam, soon cover the distance, and landing on the island we find that we have left Hungary and Servia, and are in a veritable bit of Turkey, “detached”, as the old maps put it. “[3]<

Das Aufblühen des Handels dank des Tourismus

In der „Freihandelszone“ Ada-Kaleh konnten Besucher Waren steuerfrei kaufen, jedoch mußte bei der „Rückreise“ nach Ungarn durch die Zollbehörde jeder erworbene Artikel verzollt werden. Zu diesem Thema äußert sich Jerrold:

Those interested in fiscal matters will find in Ada Kaleh a perfect example of a free trade community. There are no customs duties at all – not even on tobacco – and the Turks have the privilege of selling their tobacco, coffee etc., in the enclosed bazaar on the quay at Orsova. It is the purchasers who have the privilege of paying the customs on that which they have bought at the bazaar before leaving the enclosure“.[3]

Bedarfsorientiert wurden für Touristen fast zeitgleich mit dem Erscheinen der ersten Ansichtskarten auf der Welt in den letzten Jahren des ausgehenden 19.Jahrhunderts auch die ersten Lithographien über Ada-Kaleh produziert. Kaufleute aus Ada-Kaleh, wie der prominente Geschäftsmann Mehmet Fehmi, weiters die Kaufleute Hairy Hassan bzw. Hairy & Ahmed sowie Risa Abdul und Mehmet Ali, verlegten und verkauften bereits um die Jahrhundertwende Ansichtskarten. Dank dieser Ansichtskarten ist es heute überhaupt möglich ein Bild von der Insel seit dieser Zeit zu bekommen und die Veränderung sowohl des Aussehens der Insel als auch des Tourismus durch die Jahrzehnte zu dokumentieren (siehe Abb.2-3). Dazu kommentiert Walter Jerrold:

The whole place is an old fort. We pass under a gateway through a thick wall of crumbling red brick, and come across similar walls and arches again and again as soon as we wander away from the central bazaar, which consists of four narrow streets, a few Turkish shops for the sale of all sorts of things – largely such “souvenirs” as tourists are expected to buy, which may be taken as indicating that if English visitors are not numerous on this part of the Danube other visitors must come in fair numbers, for they are evidently looked to play their part in supporting the small population on the island“.[3]


Abb.2: Der Wasserpfeife rauchende Bego Mustafa. Er hatte 1849 den ungarischen Revolutionär Lajos Kossuth von Orsova über die Donau ins Exil gebracht. Ansichtskarte. Kiadják Müller Testvérek, Orsova, ca. 1905. Privatsammlung C. Ellensohn.


Abb.3: Eine Touristenfamile am Bazar der Insel. Links das Fachgeschäft des Hussni Salih & Comp., wo man Spezialitäten aus türkischem Tabak erstehen konnte. Ausschnitt einer Ansichtskarte von Géza Hutterer, Orsova, ca. 1905. Privatsammlung C.Ellensohn.

* Mag. Christian Ellensohn war Bildungsattaché an der Österreichischen Botschaft in Belgrad (2007-2012). In dieser Zeit forschte er über Ada-Kaleh und interviewte zahlreiche ehemalige Bewohner der Insel.

Notes:
[1] Friede von San Stefano: Préliminaire de paix, 21.03.1878, Art. III: Ada-Kale sera evacué et rasé.
[2] Ignaz Kunos, Materialien zur Kenntnis des Rumelischen Türkisch. Türkische Volksmärchen aus Adakale, Leipzig, New York: Verlag Rudolf Haupt, 1907.
[3] Walter Jerrold, The Danube. London: Methuen & Co. Ltd, 1911.

Vignette: Ausschnitt einer Lithographie. Karl Schwidernoch, Wien, 1898. Privatsammlung C.Ellensohn.
 
 
7 novembre 2017 à Saint-Pétersbourg: le centenaire invisible
Mobilités des Roms albanais et kosovars en Europe
Vies suspendues: l’exil des rescapés roms du Kosovo
La Moldavie, terre d’émigration
L’immigration russe à Riga depuis 1945: chiffres et idées reçues
Pologne: La Haute-Silésie tente sa reconversion énergétique
Moscou: Le conflit du parc de Torfianka
Le nouveau visage orthodoxe de la périphérie de Moscou
 
Imprimer
Envoyer cet article par mail
Contacter la rédaction
Droits de reproduction et de diffusion réservés Regard sur l'Est 2017 / ISSN 2102-6017